Das Licht auf den Bergen

Publisher: 
Place: 
Gladbach
Year: 
2003

Birtan á fjöllunum, translated to German by Karl-Ludwig Wetzig.


From Das Licht auf den Bergen:


Nur kurz über das Haus, das Erinnerungen atmete


Jahre sind vergangen, und unser Kalender nähert sich einem neuen Jahrtausend. Jeden Morgen treibt mich die Vergangenheit aus dem Bett, während es noch dunkel ist und die Sterne hoch über dem Berg am Himmel stehen, im Süden sehe ich, wie der Nachthimmel vom Lichtermeer der Stadt ausgelöscht wird. Es ist gegen sechs Uhr in der Frühe, und ich bin als Einziger schon wach. Niemand ist unterwegs, die Fenster in den Häusern noch dunkel, Straßen und Wege leer. Nur die Stille zwischen den Sternen, und in ihrem Licht blättere ich in Fotografien jenes Sommers, der in meinen Adern singt. Auf einem der Fotos ist das Haus zu sehen, das Versammlungshaus. Wenige Jahre später ist es abgerissen worden, und das Haus, das Erinnerungen atmete, wurde selbst Erinnerung. Die Aufnahme wurde wahrscheinlich bei dem Reitertreffen gemacht, das gut einen Monat vor der Versammlung stattfand. Im Vordergrund sitzt Starkaður mit ausgestreckten Beinen im Gras, Sæunn steht hinter ihm und zupft den Onkel am Ohr. Das Versammlungshaus ist im Hintergrund zu sehen. Jemand, der es nicht kennt, könnte meinen, es sei nur ein unbedeutendes, baufälliges Haus., um das man nicht viele Worte zu machen brauchte. Schon richtig, es macht nich besonders viel her, ist eingesunken, als wäre es schon auf dem Weg in die Erde, die Fenster so angelaufen vom Hauch der Jahre, dass sogar der gleißendsten Helligkeit des Sommers die Kraft fehlte, hindurchzuscheinen. Im Innern herrschte daher kaum Dämmerlicht. Zwei- oder dreimal ging ich mit Starkaður an einem hellen Sommertag hinein, und es war, wie in eine andere Dimension zu treten. Draußen ein sonnendurchfluteter Tag, die Goldregenpfeifer tippelten zwischen den Grashöckern umher, und wir ließen uns von Dunkelheit verslucken. Es war, wie in den Schlaf oder in einen Traum einzutreten. Alle Töne und Geräusche des Sommers verklangen und erstarben, wir tasteten uns voran und das Knarren des Tanzbodens weckte vergangene Stunden, ick lehnte mich an eine Wand, schloss die Augen und hörte das bruckstückhafte Echo alter Schlager, und der Taumel Tausander Nächte war bei mir wie eine melancholische Melodie, denn es liegt ein Schleier von Traurigkeit über der Freude, die wieder geht.


(79-80)