Die glücklichste Nation unter der Sonne : Geschichten aus Island

Publisher: 
Place: 
Saarbrücken
Year: 
2011


Publisher: Conte Verlag.



Translated by Coletta Bürling. 



From the book:



Schon wenige Tage später war er an Ort und Stelle und konnte mit der Forschungsarbeit beginnen, indem er Sprachproben sammelte. Ganz allmählich wurde ihm die erstaunliche Sachlage klar. Nachdem er die erste Phase der Verwunderung und Ungläubigkeit überwunden hatte, veränderte sich seine Mission grundlegend – er betrachtete sich jetzt nicht mehr in erster Linie als Forscher, sondern als Retter des Ortes. Er wollte diesen Leuten helfen, sich der modernen Realität zu stellen. Binnen kurzer Zeit war es ihm gelungen, an lukrative Stipendien aus aller Welt heranzukommen, und er entwarf ein Modell, mit dem er die Diktion eines jeden Einwohners aufzeichnen konnte. Anschließend entwickelte er ein Computerprogramm, das schnell und effektiv präzise Übersetzungen von Mensch zu Mensch lieferte. Infolgedessen entstand nun eine Schriftsprache, oder vielleicht eher eine programmierte Sprache. Sämtliche Einwohner lernten das Lesen und erhielten Laptops.



Hatte das alles denn nicht ausgesprochen positive Folgen? Nein, ganz im Gegenteil. Jetzt achteten die Menschen nämlich nicht mehr auf den Klang der Wörter, sondern nur noch auf die Bedeutung. Jeder war gezwungen, strets und ständig alles nachzuschlagen. Man erinnerte sich an längst gefallene Worte, und es stellte sich heraus, dass sie seinerzeit missverstanden worden waren. »Lanas na vifrio« bedautete eigentlich nicht »ich liebe dich«, sondern eher »so ab und an finde ich dich eigentlich ganz passabel«, oder etwas in der Art. Und die Antwort »sangran sprju adver« erwies sich als komplett absurd, als man der Bedeutung jeder einzelnen Silbe auf den Grund ging. Familien- und Vertrauensbande gingen in die Brüche. Eine nicht beglichene Meinungsverschiedenheit konnte wie Phönix aus der Asche wieder aufleben.



Der Sprachwissenschaftler wurde zum Bürgmeister gemacht, er hatte aufgrund seiner Kenntnisse natürlich eine Schlüsselposition. Gleichzeitig wurde er auch Direktor der Wortbank, in der alle Zweifelsfälle beseitigt wurden. »Unklarheiten gibt es nicht mehr«, behauptet er. Eines steht aber fest, die Stimmung in der Stadt hat sich wesentlich verschlechtert. Von Frohsinn keine Spur mehr, kein Aufblitzen der Augen oder leichtes Zucken der Mundwinkel. Die Cafés sind geschlossen. Jeder setzt ein Pokerface auf, kümmert sich nur um seinen eigenen Kram und ist auf der Hut vor all dem, was andere sagen. Von Stadt kann auch eigentlich überhaupt keine Rede mehr sein. Da gibt es nur Häuser, in denen irgendwelche Gestalten leben, denen nur ein übertriebener Hang zur Wortklauberei gemeinsam ist.



Die meisten besuchen jetzt Kurse in irgendwelchen Weltsprachen und wollen weg.



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