Niemand wie ich

Publisher: 
Place: 
Göttingen
Year: 
2004

The novel Tröllakirkja, translated to German by Maria-Claudia Tomany.

From Niemand wie ich:

Klein-Maria war eingeschlafen, und es war kurz vor neun, als der Pfarrer sich verabschiedete. -Brandsi, wie wär's wenn wir ein wenig nach draußen gehen und uns das ganze Konfekt aus den Rippen blasen lassen? fragte Sigurbjörn.

Gudbrandur lieh ihm einen Wollpullover und einen Anorak, er selbst nahm einen alten Mantel und bedeckte sich mit einer grünen Strickmütze. Sigurbjörn setzte seine Scheibermütze auf.

- Ihr seht ja aus wie Gvendur Dúllari und Símon Dalaskáld, die fahrenden Sänger, sagte Sunneva und klatschte lachend in die Hände.

- Wirklich? fragte Gudbrandur ernst. Er konnte urplötzlich ganz erstaunt sein und sprach dann mit stark ländlichem Dialekt. - Schaun wir so gräßlich aus, Sunna?

- Ich mache nur Spaß, lieber Gudbrandur.

- Die Frau weiß, daß Kleider zwar Leute machen, aber keine Landstreicher, sagte Sigurbjörn und lachte. - Nimm dir das nicht zu Herzen, Brandsi.

Während der Tauffeier war ein milder Frühlingsregen gefallen, und die Steine auf dem Weg waren dunkel vor Nässe. Einige Kinder spielten noch Ball auf der Straße, die beiden Männer gingen langsam an ihnen vorüber. Endlich brach Gudbrandur das Schweigen.

- Wie geht es deiner Mama?

- Sie strotzt vor Gesundheit und hält wie eh und je fest an Gottes Wort un den guten Sitten, sagte Sigurbjörn. - Trotzdem, nicht im Verleich zu deiner Mutter, der alten Hexe. Sag mal, wie lange ist es her, daß sie gestorben ist?

- Drei Jahre bald. Wie die immer im Laden rumgekeift hat, nicht zu fassen. Die Leute bekamen Todesangst, wenn sie bei ihr einkaufen mußten.

- Ja, die Bürgerkriege zur Zeit der Sturlungen waren ein Kinderspiel dagegen, sagte Sigurbjörn.

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