Traumland: Was bleibt, wenn alles verkauft ist ?

Publisher: 
Year: 
2011


The Novel Draumalandið (2004) in German translation by Stefanie Fahrner. Publisher: Orange-press.



About the book:



Island, das ist eine Miniaturausgabe der Welt. Ob es um das schnelle Geld geht oder um Arbeitsplätze, für die Natur geopfert werden muss: Den Einsatz bringen alle, nur wenige machen Gewinne. Seit die Aluminium-konzerne als Heilsbringer der Wirtschaft nach Island eingeladen wurden, tobt dort ein Kampf gegen den Ausverkauf eines Paradieses. Der Schriftsteller Andri Snær Magnason stellt sich gegen diesen technokratischen Alptraum. Zornig, klug und unterhaltsam entzaubert er so beliebte Begriffe wie »Wirtschaftswachstum« und »saubere Energie«, mit denen jede ehrliche Debatte erstickt wird und erinnert er uns mit Verve daran, dass es Alternativen gibt – denn nichts ist so verlässlich wie eine eigene Vorstellung von der Zukunft.



From the book:



Etwas liegt in der Luft



Alles, was wir denken, ist ein Produkt der Welt, in der wir leben. Ein Produkt der westlichen Kultur, der Bildung und Erziehung, der internationalen Nachrichten; ein Produkt von Musik, Impulsen, Wünschen, Langeweile, Glück, Hunger, Technologie, Gier und Libido; eine Konsequenz aus Mangel und Überfluss, Gewissen, erfüllten und unerfüllten Grundbedürfnissen. Unsere Gedanken sind ein Produkt des täglichen Lebens: Wir fahren zur Arbeit, wir fahren wieder nach Hause, wir holen die Kinder von der Schule ab. Aller Wahrscheinlichkeit nach an einem einzigen Ort erfolgreich, sondern überall, wo die Menschen denselben Problemen gegenüberstehen oder ähnlich empfinden.



Man kommt ohne Weiteres durchs Leben, ohne darüber nachzudenken, was es eigentlich auf sich hat mit der Idee; wo sie herkommt, wie sie von einem Einfall zu einer allgemein akzeptierten Wahrheit wird oder gar eine Massenhysterie auslöst ... Denn aus Ideen können Ideologien werden. Dann kratzen sich die Leute verwundert am Kopf und fragen sich, wann sie eigentlich damit angesteckt wurden, und die Kritiker sagen etwas wie »ich hätte mich nie davon einwickeln lassen«. In Wirklichkeit fehlten uns die Gegenmittel, die Worte, um über die Idee zu sprechen.



Ich fragte einmal meine Großmutter, was sie unter dem Begriff »Entrepreneur« versteht – aus welchen Stoff man ihrer Meinung nach gemacht sein müsse, um alles liegen zu lassen und nur ein einziges, bestimmtes Ziel zu verfolgen. Sie meinte, bei solchen Menschen sei der urtümliche Jagdinstinkt noch vorhanden. Die Dänen zum Beispiel konnten die Grönländer nie verstehen. Wenn das Wetter gut war, leerten sich die Fabriken, und die Menschen schwärmten aus zur Robbenjagd auf dem Eis. Die Dänen regten sich darüber auf, dass die Arbeit in den Fabriken liegen blieb, worauf die Grönländer konterten: »Die Fabrik läuft uns nicht weg, die Robben schon.«



Das Büro läuft nicht davon, aber das Lied wird verschwinden. Die Geschichte wird geschrieben, das Gedicht wird erschaffen, der Flaschenöffner wird entworfen, die Firma wird gegründet und die Dienstleistung wird angeboten werden. Jemand wird die Robbe erschlagen, egal, ob du es machst oder ein anderer.



So ein Erlebnis härtet ab. Wenn ich das nächste Mal eine gute Idee habe, zögere ich nicht. Ich werde aufs Eis rennen und die Robbe erschlagen! Ich posaune gleich alles in die Welt hinaus. Oder auch nicht. Ist doch eigentlich alles ganz gut so.



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